Sprache auswählen
Prolegomena
Jalke Uta Schotten – Zur Ontologie der individuellen Bestimmung
Die Auseinandersetzung mit der Schöpfung führt mich unweigerlich zu der Frage nach der Bestimmung des Menschen. Hierbei steht nicht die selbstreferenzielle Subjektivität im Zentrum, sondern die Ergründung des Individuums als Manifestation einer singulären Idee. In Anlehnung an klassische philosophische Konzepte lässt sich die menschliche Existenz als Realisierung eines spezifischen Entwurfs begreifen: Der Mensch wird zum Träger einer übergeordneten Intention, einer Ur-Gestalt.
Diese Struktur findet ihre visuelle Entsprechung in der sakralen Kunstgeschichte, insbesondere in Francesco Botticinis The Assumption of the Virgin. Die dort dargestellte Engelshierarchie dient als Metapher für eine ideale Ordnung: Sie illustriert einen Zustand absoluter, bewusster Positionierung. In dieser kosmologischen Ordnung ist das Ringen um Status zugunsten des Erkennens der eigenen, singulären göttlichen Idee aufgehoben. Jeder Akteur ist sich seiner spezifischen Ebene und Aufgabe gewiss – eine hierarchische Harmonie, die nicht auf Unterordnung, sondern auf der Vollendung und dem Erkennen der eigenen Bestimmung basiert.
Die Erkenntnis dieser immanenten Bestimmung bildet die Voraussetzung für eine gezielte gesellschaftliche Wirksamkeit. Der Mensch agiert dort, wo seine spezifische Bestimmung den wahrhaftigsten Beitrag zum Gemeinwohl leistet.
Diese Erkenntnis bedeutet eine radikale Befreiung. Wer sich als Ausdruck einer individuellen, übergeordneten Idee begreift, transzendiert die Notwendigkeit, sich den flüchtigen Ansprüchen des Kunstmarktes anzupassen. Die Arbeit wandelt sich von der Produktion marktgerechter Produkte zur wahren Schöpfung – zum Vollzug einer immanenten Notwendigkeit.
Diese innere Unabhängigkeit ermöglicht es, unbetretene Wege zu beschreiten, da die künstlerische Legitimation durch die Kongruenz mit der ureigenen Bestimmung erfolgt. Daraus erwächst ein erweiterter Kunstbegriff: Der Mensch gestaltet mit seinem Denken und Tun die Gesellschaft, ohne eine Identifikation als Künstler zu brauchen. Neu ist das Bewusstsein, mit dem er gestaltet.
In der Gewissheit dieser Bestimmung liegt der Übergang zu einer höheren Aufgabe: Das Werk ist kein bloßes Objekt, sondern die materielle Manifestation einer erkannten Wahrheit, die dort wirksam wird, wo sie den wahrhaftig wirksamsten Beitrag für das Grosse Ganze leistet. Zwischen Menschen. Von Ich zu Du.
Solange dem Menschen diese Wahrheit im Verborgenen bleibt, verharrt er in seinem Wirken – ungeachtet des Tätigkeitsfeldes – in einem Zustand der Funktionalität oder geistigen Orientierungslosigkeit. Ohne die Erfahrung des eigenen Urbilds bleibt jedes Tun substanzlos; es erschöpft sich in der redundanten Reproduktion des immer Gleichen. Durch diese Entfremdung des Kunstschaffenden von der eigenen Entelechie ist die Kunst tot, da sie lediglich marktkonforme Mechanismen bedient und erstarrte Ästhetiken formal wiederholt.
Erst der Wandel von diesem mechanischen Agieren zur bewussten Realisation des eigenen Ursprungs transformiert das Handeln. Das wesentlichste Moment der menschlichen Existenz liegt daher in der Möglichkeit, seine übergeordnete göttliche Idee überhaupt zu erkennen. Im Erkennen dieses Prinzips ergibt sich die Einordnung in die geistige Ordnung – analog zur Ikonographie der Engelshierarchie – mit zwingender Konsequenz. Diesen Erkenntnisprozess bezeichne ich als das Erkennen der Wahrheit.
Hierin zeigt sich eine tiefe Verwandtschaft zu Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit: Der Mensch erschafft Freiheit erst durch die Kraft der eigenen Erkenntnisfähigkeit. Freiheit ist nichts im Außen Feststehendes, sondern etwas, das aus dem Vollzug des Erkannten erwächst.
Der Mensch agiert hierbei als Gestalt die zur Wandlung fähig ist: Während die Photosynthese im Pflanzenreich als naturgesetzliche Notwendigkeit vollzogen wird, muss der Mensch seine Transformationskraft erst erlangen. Wo die Pflanze Organ der Natur bleibt, wird der Mensch durch den Akt des Erkennens zum bewussten Gestalter. In Analogie zur Photosynthese lässt sich dieser geistige Vollzug als Noosynthese (geistige Synthese) oder Noos-Odalitas begreifen. In diesem Akt überwindet das Individuum die Spaltung zwischen Subjekt und Objekt, läutert sein Verhältnis zur Welt und vollzieht im Zusammenspiel von Innen- und Außenwelt die bewusste Vereinigung von organischem Dasein und geistiger Gesetzmäßigkeit.
Die Produktivität des Menschen bringt, solange sie unbewusst verbleibt, destruktive Phänomene und gesellschaftliche Desorganisation hervor. Als das einzige mit Vernunft begabte Wesen besitzt der Mensch jedoch die evolutionäre Möglichkeit zur Erkenntnis. Erst die Verortung der eigenen Wahrheit in der Gesamtordnung hebt das Streben auf, die Identität eines anderen zu okkupieren, und überwindet jene destruktive Rivalität, die aus der Entfremdung resultiert.
Die Existenz des Menschen wird so zur materiellen Manifestation seiner singulären, göttlichen Idee und damit zur Wahrheit, die ihren rechtmäßigen Ort nicht sucht, sondern durch ihr bloßes Sein bereits einnimmt.
Ich bin der, der ich bin –
Ich werde sein, der ich sein werde.
Es gibt im klassischen Wörterbuch der deutschen Sprache kein einzelnes, etabliertes Fachwort, das diesen spezifischen, Verwandlungsprozess exakt erfasst.
Daher habe ich diese Ideen entwickelt:
1. Noosynthese (Geistige Synthese)
Definition: Die schöpferische Synthese (Zusammenführung), die rein im menschlichen Bewusstsein und Geist (Noos) vollzogen wird.
2. Noos-Odalitas
Definition: Ein philosophisches Kunstwort, das sich aus Noos (griechisch für Geist, Verstand, höhere Vernunft) und einer Ableitung von Odal (altnordisch/althochdeutsch für Heimat, Erbgut, geschützter Eigenraum oder Bindung an den Ursprung) zusammensetzt.